Drei Weltmeister-Titel.Eine Familie.
In der Geschichte des Taekwondo gibt es nur ein Vater-Tochter-Paar, das jeweils Weltmeister wurde: Kim Chul-hwan und YeonJi Kim. Was 1954 in Korea begann, lebt heute bei SOMA in Bonn weiter – in der dritten Generation.
Vier Jahrzehnte Taekwondo in Deutschland
Von der ersten Weltmeisterschaft in Seoul bis zum Training in Bonn – die Meilensteine einer Familie im Taekwondo.
Ein Großmeister beginnt
Geboren am 12. Dezember in Korea. Mit 9 Jahren beginnt seine Taekwondo-Ausbildung. In den folgenden Jahrzehnten gewinnt er 24 koreanische Meistertitel.
Der erste WM-Titel
Kim Chul-hwan gewinnt bei der ersten WTF-Taekwondo-Weltmeisterschaft überhaupt in Seoul den Mannschaftstitel mit dem koreanischen Nationalteam – ein historisches Ereignis für die junge Sportart.
Asienmeister & Sportler des Jahres
Ein Jahr nach dem WM-Titel wird Kim Chul-hwan Asienmeister und in Korea zum Sportler des Jahres gewählt.
Vom Wettkampf-Meister zum Lehrer
Mit dem Sieg der Pre World Games in Seoul beendet Kim Chul-hwan seine aktive Wettkampfkarriere und kommt in die Bundesrepublik Deutschland – um die koreanische Taekwondo-Tradition weiterzugeben.
Die Sportschule Kim in Aachen
Kim Chul-hwan gründet in Aachen die Sportschule Kim und in den folgenden Jahren weitere Taekwondo-Schulen im Aachener Großraum. Er wird zur Institution der deutschen Kampfsportszene und formt zahlreiche erfolgreiche Kämpfer – darunter Ute Güster (Europameisterin 1983), Chan-Ok Choi (Europameister 1986) und Marcus Ketteniß (Poomsae-Weltmeister 2014). Eine besondere Verbindung entsteht zu Wolfgang Dahmen: Kennengelernt haben sich die beiden bei der Weltmeisterschaft in Korea – in unterschiedlichen Gewichtsklassen –, und wie es der Zufall will, wohnt Dahmen in Aachen. Aus der Begegnung wird eine enge Verbindung, Dahmen wird sein Schüler. 2006 wird Kim Chul-hwan der 9. Dan verliehen – einer der höchsten Meistergrade überhaupt. Mit Konstantin Gil veröffentlicht er später das vierbändige Lehrwerk „Taekwondo perfekt“.
Die zweite Generation
YeonJi Kim wird am 12. Mai in Aachen geboren – die mittlere von drei Töchtern. Mit vier Jahren steht sie zum ersten Mal auf der Matte, trainiert vom eigenen Vater. Aufgewachsen ist sie praktisch in der Trainingshalle – sogar die Hausaufgaben wurden dort gemacht.
Mit 14 heimlich zum ersten Sieg
Der Vater hält sie noch nicht für bereit – also fährt YeonJi mit 14 auf eigene Faust zur Dutch Open nach Eindhoven, spricht einen fremden Trainer als Coach an und gewinnt ihr erstes Turnier. Der Vater erfährt es aus einer Sportzeitschrift: Ein Mädchen aus Korea, das aussieht wie seine Tochter, hat den ersten Platz belegt. Ein Jahr später begleitet er sie nach Marburg – und erkennt im Kampfschrei seiner Tochter sich selbst.
Alleine nach Korea
Mit 16 zieht YeonJi alleine nach Seoul auf die Sport-Highschool – als erste weibliche Taekwondoin der Schule. Drei Jahre Internat unter der Woche, Wochenenden bei der Großmutter. Der Alltag ist hart: Wecken um sechs Uhr mit Trompetenmusik, zehn Runden um den Sportplatz, Treppenläufe und Sprints – noch vor dem Frühstück. Einmal bricht sie zusammen; der Trainer gibt ihr Salz und Wasser und schickt sie weiter. Nach Hause darf sie einmal im Jahr, für zwei Wochen. Zehn koreanische Titel später kämpft sie sich ins Nationalteam.
Zwei Jahre ohne Niederlage
In den Jahren 2000 und 2001 startet YeonJi bei rund 24 koreanischen Meisterschaften und Turnieren – und gewinnt jedes einzelne. Zwei Jahre ohne eine Niederlage.
YeonJis erster WM-Titel
YeonJi wird in der Gewichtsklasse bis 63 kg Weltmeisterin in Jeju. „Beim ersten Titel habe ich sehr viel geweint. Der schönste Moment war, als ich meinem Vater die Medaille in die Hand drücken konnte und ihn umarmt habe."
Gold bei den Asian Games
Gewinn der Goldmedaille bei den Asian Games in Busan – der wichtigsten kontinentalen Meisterschaft im Taekwondo neben der WM.
Zweiter WM-Titel – auf deutschem Boden
YeonJi wird erneut Weltmeisterin, diesmal in Garmisch-Partenkirchen. Sie ist weltweit die einzige Tochter eines Taekwondo-Weltmeisters, die selbst zweimal Weltmeisterin wurde.
Vom Podium hinter die Kulissen
2004 qualifiziert YeonJi in der Gewichtsklasse bis 67 kg das Olympia-Ticket für Athen – nominiert wird sie nicht, die Entscheidung fällt politisch. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM beendet sie mit 25 ihre Wettkampfkarriere und übergibt ihre Gewichtsklasse an die Jüngeren. Es folgt der zweite Weg: Equipment-Entwicklung bei Nike Korea, Master an der Sport-Universität, dann acht Jahre im Koreanischen Olympischen Komitee mit Stationen bei den Spielen in Vancouver, Sotschi und Rio.
Rückkehr – als Bundestrainerin
YeonJi kehrt nach Deutschland zurück und übernimmt die Damen-Nationalmannschaft der Deutschen Taekwondo Union. Ihre Athletinnen holen EM-Bronze 2018 in Kasan und zwei Vize-Europameistertitel 2019 in Bari; sie coacht die deutschen Teams bei den Weltmeisterschaften 2017 in Muju und 2019 in Manchester. Eine ihrer Athletinnen, Lorena Brandl, kämpft später bei Olympia in Paris.
Kim Chul-hwan verstirbt
Am 12. November verstirbt Großmeister Kim Chul-hwan nach langer Krankheit in Aachen. Er hinterlässt seine Ehefrau, drei Töchter – und eine deutsche Taekwondo-Landschaft, die ohne ihn nicht dieselbe geworden wäre. Sein Erbe trägt die ganze Familie: YeonJi hält den 7. Dan, die älteste Tochter den 3., die jüngste den 1. Dan, die Mutter ebenfalls den 1. Dan – zusammen mit seinem 9. Dan kommt die Familie auf 21 Dan-Grade.
Die Gründung von SOMA
Jahre zuvor, auf die Interview-Frage, was sie mit einer Million Euro machen würde, antwortete YeonJi: „Ich würde eine TKD-Schule aufmachen.“ 2023 ist es so weit – sie eröffnet in Bonn ihre eigene Taekwondo-Schule. Der Anspruch: Weltklasse-Wissen weitergeben, wie ihr Vater es tat. Aber in ihrer eigenen Sprache, in ihrer eigenen Zeit. Aus dem Erbe wird ein neuer Anfang.
Die dritte Generation trainiert
Bei SOMA trainieren mittlerweile auch YeonJis eigene Kinder. Die dritte Generation der Familie Kim im Taekwondo. Der Älteste steht kurz vor dem schwarzen Gürtel. Die Geschichte geht weiter.
„Er hat jedem seiner Schüler immer wieder gesagt: Du schaffst das.“
Ein Leben für die Kampfkunst.Vom Nationalteam Koreas nach Aachen.
Kim Chul-hwan beginnt 1963 mit neun Jahren seine Taekwondo-Ausbildung in Korea. Es folgen 24 koreanische Meistertitel – und 1973, bei der ersten Taekwondo-Weltmeisterschaft überhaupt, der WM-Titel mit der koreanischen Nationalmannschaft in Seoul. Damals gibt es nur zwei Gewichtsklassen: Meist ist er der kleinste und leichteste Kämpfer im Feld – und besiegt Gegner, die 50 Kilo mehr wiegen. Ein Jahr später wird er Asienmeister und in Korea zum Sportler des Jahres gewählt.
1978 schließt er mit dem Sieg bei den Pre World Games in Seoul seine Wettkampfkarriere ab und kommt nach Deutschland. 1980 gründet er in Aachen die Sportschule Kim – der Beginn von vier Jahrzehnten als Lehrer. Er arbeitet eng mit der Deutschen Taekwondo Union, bildet aus, prüft und veranstaltet Turniere. Aus seiner Schule kommen Weltmeister, Europameister und Olympiateilnehmer.
Berühmt wird er aber für etwas anderes: seine warme, väterliche Art. Kinder ab vier Jahren lernen bei ihm – und bleiben. Die Abbrecherquote unter seinen Schülern ist so gering, dass fast alle den Weg bis zum schwarzen Gürtel gehen. Seine Methode: Zutrauen statt Druck, Sprungkraft statt Kraftmeierei – erst über Hürden springen, dann Ziele im Sprung treffen.
2006 wird ihm der 9. Dan verliehen – einer der höchsten Meistergrade, die im Taekwondo vergeben werden. Mit Konstantin Gil veröffentlicht er das vierbändige Lehrwerk „Taekwondo perfekt“. Am 12. November 2018 stirbt Großmeister Kim in Aachen. Seine drei Töchter sind auf der Matte aufgewachsen – die mittlere, YeonJi, trägt sein Werk heute in Bonn weiter.
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